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Zuhause in der Hölle

Es ist das am meisten abgeschottete Land der Erde. Jenseits der Augen der Weltöffentlichkeit herrscht die Kim-Dynastie über ein heruntergekommenes Nordkorea, in dem Millionen Menschen hungern und Menschenrechts-verletzungen an der Tagesordnung sind. Doch die Bürger dieses Geheimstaates sollen glauben, sie seien im Paradies.

Statue von Kim Il Sung  © Open DoorsStatue von Kim Il Sung  © Open Doors

Dieser Statue müssen auch ausländische Besucher Respekt zollen, indem sie sich verneigen oder Blumen ablegen © Open Doors

Als der Lehrer ihre Taschen zu durchsuchen begann, war er bereits schlecht gelaunt. Und als er dann noch Mais fand, rastete er aus. „Du, Miststück, hast Mais gestohlen? Willst du, dass deine Hände abgehackt werden?“ Das Mädchen wurde nach vorne beordert, wo sie sich hinknien musste. Der Lehrer schwang seinen langen, hölzernen Zeigestock und traf sie damit immer und immer wieder am Kopf. Während Shin Dong-hyuk und seine Klassenkameraden still zuschauten, bildeten sich Blasen an ihrem Kopf, Blut lief aus ihrer Nase und sie fiel zu Boden. Später am Abend starb sie.

Begebenheiten wie diese gehörten zu Shin Dong-hyuks Alltag im nordkoreanischen Arbeitslager. Shin kannte kein Leben außerhalb des Lagers und nannte es sein Zuhause. Bis heute wissen die wenigsten von den Arbeitslagern und den anderen Missständen in Nordkorea.

Zutritt verboten

Die wenigen Informationen über Nordkorea, die zur Verfügung stehen, stammen von entflohenen Nordkoreanern und Hilfsorganisationen. Genaue Zahlen und Daten gibt es jedoch kaum, es handelt sich um Schätzungen.

Jeder Nordkoreaner, der es aus dem Land schaffte, erzählt von großem Hunger. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass seit den 90er Jahren etwa zwei Millionen Menschen vor dem Hunger geflohen sind. Seitdem damals die Hungersnot aufgrund von Dürren und Misswirtschaft ausbrach, ist das asiatische Land auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen. Trotzdem hungern immer noch Millionen. Die Verteilung der Lebensmittel richtet sich nach dem „Songbun“, dem Klassensystem, in das die nordkoreanische Gesellschaft eingeteilt ist. Die Klasse sagt aus, ob jemand dem Regime gegenüber als loyal oder als feindselig gesinnte Person zu betrachten ist. Zu den „feindseligen“ Personen gehören unter anderem Regimekritiker, Flüchtlinge und Christen. Wenn ihre vermeintlichen Vergehen bekannt werden, bezahlen sie nicht selten mit lebenslanger Haft in Arbeitslagern.

Weniger wert als Tiere

Insgesamt sechs solcher Arbeitslager für politisch Gefangene gibt es nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen. Dort leben schätzungsweise 150.000 bis 200.000 gefangene Nordkoreaner. Viele von ihnen wissen nicht einmal, welche Straftat sie begangen haben. Und viele sind unschuldig: Sie werden inhaftiert, weil ihr Vater, ihr Onkel oder ihr Großvater eine Straftat beging. Bis zu drei Generationen werden beispielsweise für  einen Fluchtversuch bestraft. Die Kinder, die in den Lagern geboren werden, kennen kein Leben außerhalb der elektrischen Zäune und müssen schon früh in Minen oder Kohleschächten arbeiten. Trotz der harten körperlichen Arbeit reicht die Essensration nur aus, um die abgemagerten Körper am Leben zu halten. Kann jemand sein Arbeitssoll nicht erfüllen, wird er bestraft. Folter und öffentliche Hinrichtungen sind keine Seltenheit. Das Leben eines Häftlings ist weniger Wert als das eines Tieres.

Die Biografie Tausender

Flucht aus Lager 14  © DVA/Randomhouse

Flucht aus Lager 14, die Biografie von Shin Dong-hyuk erschien 2012 © DVA/Randomhouse

Shin Dong-hyuk kann das bezeugen, denn er war eines dieser Tiere. Als Sohn zweier Häftlinge wurde er in einem der Lager geboren und kannte 23 Jahre lang nichts anderes. Zu sehen, wie eine Mitschülerin wegen fünf Maiskörnern zu Tode geprügelt wurde oder wie seine Mutter zur Strafe für zu langsames Arbeiten stundenlang auf dem Feld mit erhobenen Armen knien musste, gehörte zu seinem Alltag. Jeder war für ihn ein Konkurrent im Kampf ums Überleben – selbst seine Familie.

2005 gelang Shin die Flucht aus dem Lager. Er floh nach China und von dort nach Südkorea. Doch seine Geschichte gelangte erst Jahre später an die Öffentlichkeit, als der Journalist Blaine Harden sie 2008 aufzuschreiben begann. Grausame Details kamen durch Shins Erzählungen ans Licht. Shins Geschichte ist jedoch mehr als nur eine Biographie. Sie ist auch die Geschichte von hunderttausenden Nordkoreanern, für die kaum jemand die Stimme erhebt.

About Debooray

Debora studiert derzeit an der Deutsche Welle Akademie in Bonn. Sie mag kräftige Farben, melancholische Musik, lateinamerikanischen Fußball und würde am liebsten einmal um die ganze Welt reisen. Als Hobbyfotografin ist sie mit einer Canon EOS 400D oder 450D unterwegs.

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